Reine(r)s Glück
In einem Interview hat
Reiner Knizia vor ein paar Jahren einmal bekundet, der glücklichste
Mensch der Welt zu sein. Natürlich kann niemand so etwas wissen, sondern
allenfalls auf der Grundlage der eigenen Gefühlslage vermuten. Um zu
verstehen, wie er zu dieser kühnen Ansicht gekommen ist, und zu klären,
ob es sich noch immer so verhält, erscheint ein Blick auf Vita und Persönlichkeit
dieser Ausnahmeerscheinung unter den Spieleautoren hilfreich.
Als
Sohn eines Architekten und einer Geschäftsfrau in Illertissen/Allgäu
geboren, beginnt RK schon mit zehn Jahren, sich eigene Spiele auszudenken
und Eltern und Geschwister als Versuchskaninchen heranzuziehen. Nach dem
Abitur und Wehrdienst beginnt er in Ulm das Studium der
Wirtschaftsmathematik. Ein einjähriger Aufenthalt als Assistent an der
Syracuse University in New York dürfte für seinen späteren beruflichen
Werdegang als Mathematiker wie auch als Spieleautor von weichenstellender
Bedeutung gewesen sein.
Zurück
in seiner Heimat bringt das damals so beliebte Postspiel einen ersten
intensiven Kontakt zur Spielszene. So fungiert RK von 1985 bis 1987 als
Herausgeber der von ihm gegründeten und monatlich erscheinenden
Zeitschrift Postspillion, für die er sogar selbst ein
vielschichtiges Wirtschaftsspiel mit dem sprachspielerischen Titel Dividende
et impera entwickelt. Eine erste Verschmelzung von Beruf und
Berufung.
Nach
Abschluss des Studiums und einer Promotion auf dem Gebiet der Allgemeinen
Integrationstheorie wechselt RK beruflich zunächst nach München und 1993
weiter nach Windsor bei London, wo er noch heute seinen Wohnsitz hat, fast
in Nachbarschaft zur Queen und, wichtiger noch, gleich in der Nähe zum
Flughafen Heathrow. Dort schafft er auch bald den Sprung in den Vorstand
eines führenden britischen Unternehmens für Baufinanzierung. Eine
Position, in der er für 300 Mitarbeiter und einen Umsatz von einigen
Milliarden Pfund Sterling verantwortlich zeichnet und die ihn natürlich
entsprechend zeitlich absorbiert.
Was
ihn freilich nicht davon abzuhalten vermag, sich nebenbei noch ca. 30
Stunden die Woche dem Entwickeln von Spielen zu widmen. Und so bringt er
nach seinen beiden Erstlingen Digging
bei Hexagames und Goldrush im
Hans im Glück-Verlag (HiG) aus dem Jahre 1990 kontinuierlich jedes Jahr
mehr hochkarätige Neuheiten zur Veröffentlichung. Daneben versteht er
es, die Redaktion der spielbox derart für seine Entwürfe
einzunehmen, dass daraus für sämtliche Ausgaben des Jahrgangs 1991 das Spiel
im Heft ausgewählt wird, ein bislang einmaliger Vorgang.
Doch auf die Dauer
muss auch einem RK eine solche Doppelbelastung zu viel werden. Und da er
über all die Jahre der Versuchung zu widerstehen gewusst hat, die
Ausgaben seinen hohen Einkünften anzupassen, kann er es sich mit gerade
einmal 40 Jahren erlauben, nicht nur seine gut dotierte Führungsposition
aufzugeben, sondern gleich seinen Beruf überhaupt an den Nagel zu hängen,
um sich nach etwas ganz anderem umsehen zu können. Dabei ist zu dieser
Zeit noch keinesfalls ausgemacht, dass die Entwicklung neuer Spiele seinen
ganzen Lebensinhalt ausmachen wird.
Auf
jeden Fall bemerkenswert, dass sich ein so rationaler, minutiös
arbeitender Geist ausgerechnet auf ein derart schwer überschaubares,
risikoreiches Terrain wie den Spielemarkt begibt und sich damit auch bis
zu einem gewissen Grad den Launen Fortunas aussetzt. Midlife-Crisis,
Realitätsverlust, Wunschdenken oder ein Fall dramatischer Selbstüberschätzung?
Nichts von alledem. Vielmehr Selbstgewissheit über das eigene kreative
Potential, die handwerklichen Fähigkeiten, eine Spielidee vom
Rohdiamanten zum funkelnden Juwel zu schleifen, und die hochgradige
Bereitschaft, sich dazu uneingeschränkt in die Pflicht zu nehmen.
Kein
Hans im Glück also, der in seiner Naivität den Lohn mehrerer Jahre
harter Arbeit leichtfertig verschleudert, indem er ihn gegen immer
wertlosere Dinge eintauscht, bis er am Ende mit leeren Händen dasteht.
Vielmehr ein unermüdlicher Schmied seines Glückes, der dieses mit
sicherer Hand in die gewünschte Form zu bringen weiß.
Etwas
Märchenhaftes hat sie schon, die Geschichte von einem, der auszog, mit
seinen Spielen die Welt zu erobern. Im ersten Schritt ist es RK wichtig,
sich zunächst einmal hierzulande einen Namen als Spieleautor zu machen.
Kaum hat er dies geschafft, setzt er zum Sprung über die Grenzen ins
europäische Ausland an, um schließlich den Rest der Welt ins Visier zu
nehmen. Seine an anderer Stelle zu findende Ludografie spiegelt diese
Entwicklung eindrucksvoll wider.
Um
sich in einem anderen Umfeld neue Inspirationen zu holen, ist RK 2003/2004
für ein Jahr von Windsor aufs Festland übergesiedelt. Felix Austria,
dass seine Wahl dabei auf Wien gefallen ist, woran Dagmar und Ferdinand de
Cassan, die gemeinsam die Seele der österreichischen Spieleszene bilden,
nicht ganz unschuldig waren. Während dieser Zeit hat RK natürlich seiner
Passion weiterhin gefrönt und dabei die Gelegenheit ausgiebig genutzt,
seine Prototypen im Wiener Spielekreis zu testen.
Charakteristikum
vieler Knizia-Spiele ist ihre raffinierte Siegbedingung. Nicht ohne Grund
hat Derek Carver, eine Koryphäe in Sachen Spielanalyse und
Theoriebildung, in einem Beitrag für die vor einigen Jahren leider
eingestellte Pöppel-Revue RK zum „Meister der
Wertungsmethoden“ erklärt und hierfür als Musterbeispiel High
Society (Ravensburger) angeführt, das jetzt wieder in neuem Gewand
unter dem Titel Einfach tierisch! (Amigo) zu haben wollen müssen ist. Es
geht darum, den wertvollsten Bestand an Besitzkarten zu ersteigern. Doch
wer bei Ende der Partie über das geringste Restkapital verfügt, kommt
gar nicht erst in die Wertung.
Als
weiteres Beispiel lässt sich Das
letzte Paradies (Kosmos) aus dem Jahre 1993 anführen. Bei dieser
Gratwanderung zwischen Kommerz und Natur hat in jedem Fall verloren, wer
weniger Kapital als zu Beginn besitzt, selbst wenn er der Reichste sein
sollte. Und in Einfach genial
(Kosmos) gewinnt der Spieler mit dem besten schlechtesten Ergebnis. Soll
heißen: Nur der Wertungsstein auf der hintersten Position eines jeden
Spielers kommt in die Wertung und erst bei Gleichstand der nächstbesser
platzierte.
Einen
Schwerpunkt seines Schaffens bilden Versteigerungsspiele. Dabei zeichnen
sich des Doktors Spiele durchweg durch ungewöhnliche Auktionsmethoden
aus. So hat er sich für Das letzte
Paradies eines Prinzips bedient, das in der mathematischen
Spieltheorie von dem späteren Nobelpreisträger William Spencer Vickrey
zur Bestimmung des jeweils optimalen Preises entwickelt worden war. Danach
macht zwar wie üblich der Meistbietende das Rennen, braucht jedoch nur
einen Preis in Höhe des zweithöchsten Gebots zu zahlen.
Dagegen
hat RK für Die Kaufleute von
Amsterdam (Jumbo) eine Anleihe in der ökonomischen Praxis gemacht.
Wie bei einer Tulpenauktion in Holland setzt der jeweilige Auktionator
einen Countdown in Gang, bei dem nicht von Käuferseite geboten wird,
sondern nur das aktuelle Angebot des Verkäufers angenommen werden kann.
Genannt seien hier noch Modern Art (HiG), Ra (alea) und
dessen entschlackte, mit des Autors Namen verschmolzene Version Razzia
(Ravensburger), Traumfabrik/Fabrik
der Träume (Parker), Tadsch
Mahal und Palazzo (beide alea), auf die an anderer Stelle dieses
Almanachs ausführlich einzugehen sein wird.
Dass
sich RK aber auch auf ganz anderem Terrain sicher zu bewegen weiß,
beweist das Verhandlungsspiel Quo
vadis? (HiG) aus seinem Frühwerk, voriges Jahr im Kleinformat
verdienstvoller Weise neu aufgelegt bei Amigo. Von permanenten
Schachereien um kleine Vorteile geprägt, ist es nach Urteil des leider
unlängst viel zu früh verstorbenen Kollegen Knopf ausgesprochen
unkniziaisch. Lediglich die Siegbedingung lässt einen Rückschluss auf
den Autor zu. Da mag einer noch so viele Lorbeerblätter gesammelt haben,
nur wer im Senat vertreten ist, kommt für den Sieg überhaupt in Frage.
Bemerkenswert
auch die Fähigkeit, fremde Spielideen fortzuentwickeln. So hat RK 2003
mit Die Burg die Carcassonne-Familie (HiG) um ein Mitglied erweitert, das
einerseits den Grundcharakter dieses ätherischen Legespiels von Klaus-Jürgen
Wrede bewahrt, andererseits aber die beiden Spieler vor eine ganz andere
Aufgabe stellt. Zwei Jahre zuvor hatte er sich bereits eines anderen
Neuzeitklassikers angenommen und diesem mit Hilfe eines Handcomputers
neues Leben eingehaucht. Monopoly-Börse
(Parker) beschränkt sich nicht darauf, Grundbesitz und Bankkonto der
Spieler zu verwalten, sondern gibt ihnen die Möglichkeit, auf fremden
Firmenfeldern Aktien zu erwerben und damit von den Bauaktivitäten des
Hauptaktionärs zu profitieren.
Immer
wieder einmal wird RK vorgehalten, bei seinen Spielen scheine deren
mathematisches Gerüst durch, was bisweilen durchaus zutreffen mag, nicht
selten aber auch dem Wissen entspringen dürfte, dass es sich eben um ein
Spiel von ihm, dem promovierten Mathematiker, handelt. Er selbst sieht
eine Verwandtschaft von Mathematik und Spielen darin, dass man sich in
beiden Fällen mit Regelsystemen befasst, in denen es Lösungen zu finden
gilt.
Ein
anderer Vorwurf geht in die Richtung, bereits anderswo veröffentlichte
Spiele wieder in neuem Gewand zu präsentieren. Zweifellos beherrscht RK
wie kein anderer die Kunst des Recycelns eigener Ideen, deren Übertragung
auf andere Themen und ihre mehr oder weniger große Anpassung an die
Vorlieben der Bewohner anderer Kulturräume. Abgesehen davon, dass eine
solche Wiederverwertung in anderen Märkten völlig legitim erscheint,
gelingt es ihm immer wieder, aus der Verknüpfung mit anderen Elementen
etwas ganz Neues entstehen zu lassen, was ja ohnehin einen Großteil der
Entwicklung neuer Spiele ausmacht.
Inzwischen
hat RK seine Duftnote in den unterschiedlichsten Genres gesetzt und dabei
immer wieder auch marketingmäßig ein glückliches Händchen bewiesen. So
hat er sein Blue Moon
(Kosmos; 2004), nicht einfach als Spiel, sondern von vornherein als
„fantastische Spielwelt“ konzipiert und dazu gewisse Anleihen bei den
Sammelkartenspielen gemacht. Da agieren die beiden Kontrahenten mit
unterschiedlichen Sätzen von Karten, die sie nach und nach aufnehmen, und
lädt die Profi-Version dazu ein, sich sein sog. Deck aus verschiedenen
Kartensets selbst zusammenzustellen.
Und
obwohl das Grundspiel und die bislang erschienenen sieben Erweiterungen
dergestalt vorsortiert sind, dass sie sämtlich selbständig spielbar
sind, wird der Sammeltrieb im Spieler geschickt dadurch angesprochen, dass
einzelne Karten jeweils anderen Sets beigemischt sind und zudem auf jeder
Karte ein winziges Stück der Hintergrundgeschichte erzählt wird. Dieses
Jahr nun haben Autor und Verlag mit
Blue Moon City ein finessenreiches Brettspiel nachgeschoben, in dem
sich vier der Völker des Kartenspiels mit ihren Sondereigenschaften
wiederfinden und das aufgrund seines hohen Wiederspielwerts auch prompt für
das „Spiel des Jahres“ nominiert worden ist.
Mit
King Arthur und Die Insel (Ravensburger; 2003 bzw. 2005) hat RK sogar völliges
Neuland erschlossen: Brettspiele mit in den Spielplan integrierter
Elektronik, die in neue Erlebniswelten entführen sollen. Kaum zu
ermessen, wie viel Entwicklungsarbeit von der Idee bis zum fertigen
Produkt darin steckt. Mangelte es dem ersten Spiel noch an Interaktion,
weiß das zweite mit seiner Mischung aus Kooperation und Konkurrenz auch
in dieser Hinsicht voll zu überzeugen.
Richtig
verunglückt ist RK eigentlich nur Vegas
(Ravensburger) aus dem Jahre 1996, das die Erwartungen seines großkalibrigen
Titels nicht ansatzweise erfüllen konnte, wozu auch Preis und Ausstattung
beigetragen haben. Die veröffentlichte Meinung lautete nahezu einmütig
„von banale, auf Dauer ermüdende Würfelei, die kaum Emotionen auslöst,“
über „aufgemotztes Würfelspiel ohne echte Einflussmöglichkeit“ bis
hin zu „reines Würfelglücksspiel mit dem Charme und Spielspaß einer
vertrockneten Rübe.“ Und auch dem Kollegen Knopf war es in der Süddeutschen
Zeitung bloß eine vernichtende 1 von 6 wert.
Immerhin
soll es nach Auskunft des Autors in einer überarbeiteten Version unter
dem Titel Maginor von Fantasy
Flight in den USA sehr erfolgreich vermarktet worden sein. „Würfeln ist
vielleicht eher eine Vorliebe der Amerikaner,“ lautet sein Versuch einer
Erklärung. Knizia-Fans und Komplettsammlern bietet sich derzeit die
Gelegenheit, es beim Web-Händler Milan Spiele zum Schleuderpreis von 7,40
€ mit deutscher Spielanleitung abzugreifen.
RK
hat nicht nur immer wieder den Hobbyspieler beglückt und zahlreiche
Familienspiele vorgelegt, sondern sich auch nicht geziert, Kinderspiele zu
entwickeln, die ja ganz anderen Gesetzmäßigkeiten folgen. Auch dort hat
er im Rahmen des Möglichen seine persönliche Note in Form kleiner Kniffe
bei Ablauf und Wertung hinterlassen, wie etwa Mago
Magino (Selecta) und Bunte
Runde (Winning Moves) zeigen. Frappierend zu erfahren, dass sich
unter seinen zehn wirtschaftlich erfolgreichsten Spielen neben einem
Kartenspiel neun Kinderspiele finden und erst auf Platz 11als erstes von
der Spielszene wahrgenommenes Spiel sein preisgekröntes Herr
der Ringe (Kosmos) folgt.
Zum Repertoire eines
Allrounders gehören natürlich auch Lizenzthemen, bei denen für ein
Spiel, das über seinen Titel bereits weitgehend vorverkauft ist, ein
seinem Thema adäquates Regelwerk entworfen werden will. Hier spannt sich
der Bogen vom gerade erwähnten Herr
der Ringe über Janosch,
Micky Maus, Playmobil und Die
Sendung mit der Maus bis hin zu den
Simpsons und Star Wars.
Auch
literarisch ist RK nicht untätig geblieben. Eine ganze Reihe von Büchern
mit einer Fülle neuer Spielideen hat er im Laufe der Jahre veröffentlicht.
Hervorzuheben sind Neue Spiele im
alten Rom (Hugendubel/Piatnik; 1994), Kartenspiele
im Wilden Westen (Hugendubel; 1995), Das
Grosse Buch der Würfelspiele (Hugendubel/Weltbild; 2000) und Kartenschach
(Berliner Spielkarten; 2001).
Um diesen enormen
Ausstoß von inzwischen weit über 200 Titeln zu erreichen und weiterhin
zu halten, ist voller Einsatz gefragt. Zwischen vier und fünf Uhr morgens
ist für RK die Nacht vorbei. „Da ist mein Kopf noch unverbraucht, und
ich fühle mich auf der Höhe meiner geistigen Kräfte,“ erklärt er
seine frühmorgendliche Bettflucht. Davon lässt er sich nicht einmal
abhalten, wenn es am Vorabend beim intensiven Playtesting wieder ziemlich
spät geworden ist, was mindestens dreimal die Woche vorkommt. Die übrige
Zeit ist mit akribischer Feinarbeit und zahllosen Dienstreisen ausgefüllt.
Wüsste
man es nicht besser, könnte einem glatt der Verdacht kommen, RK für eine
bloße Marke zu halten, hinter der sich ein ganzes Entwicklungsteam
verbirgt. Dabei ist er tatsächlich so ambitioniert, seinen Namen à la
longue als Marke zu etablieren. Wenn er noch zwanzig Jahre so weitermacht
wie bisher, könnte ihm dies sogar gelingen. Zumal ja das Glück
bekanntlich mit die Tüchtigen ist. Derzeit führt die Eingabe seines
Namens in die Trendsuche bei Google allerdings noch zu der ernüchternden
Meldung: „do not have enough search volume to show graphs."
Solch
großer Aufwand verlangt natürlich auf der anderen Seite Verzicht.
Verzicht auf eigene Kinder und eine feste Partnerschaft. So lebt RK nach
seiner Scheidung schon seit vielen Jahren als Single, ohne daraus aber
einen Leidensdruck aufzubauen, verschafft ihm doch das Erreichen seiner
selbst gesetzten Ziele ein intensives Glücksgefühl. Soziale Kontakte
kann er über seine Spielrunden jedenfalls ausgiebig pflegen.
Eines
hat er bei allem zeitlichen Einsatz und Bemühen um inhaltliche Präzision
ohnehin nicht aus den Augen verloren: „Das Spiel als solches kann noch
so raffiniert sein, es ist nie so interessant wie das Gegenüber.“ Und
deshalb ist es stets sein Anliegen, es anderen mit Hilfe seiner Spiele zu
ermöglichen, eine glückliche Zeit miteinander zu verbringen.
Inzwischen
ist RK weltweit derart gefragt und haben so viele seiner Spiele Auflagen
im sechsstelligen Bereich erreicht, dass er sich den Luxus leisten kann,
nur noch die Sachen anzupacken, die ihm am Herzen liegen oder in denen er
eine besondere Herausforderung sieht. Außerdem hat er seit einiger Zeit
eine Assistentin engagiert, um der unvermeidlichen Büroarbeit Herr zu
werden, die ihn nur von seiner kreativen Tätigkeit abhielte, und um den
Betrieb am Laufen zu halten, während er sich auf Reisen befindet.
Es
gehört wie selbstverständlich zu seinem biographischen Inventar, dass
sich RK von 1999 bis 2001 für den Vorsitz der SAZ, der Spiele Autoren
Zunft, in die Pflicht hat nehmen lassen. Keine schlechte Wahl, die man
damals getroffen hat, besonders, wenn man sich einmal die Bedeutung des
Vornamens Reiner bewusst macht. Dieser ist nämlich als männliche
Nebenform zu Rainer von althochdeutsch ragin hari abgeleitet, was so viel
bedeutet wie ein göttlicher Rat im Heer.
Wenn
auch nur etwas an dem Satz des griechischen Philosophen Plotin „nomen
est omen“ dran sein sollte, wofür neuere Untersuchungen auf dem Gebiet
der Anthroponomastik über den Einfluss des Vornamens auf das Wesen eines
Menschen tatsächlich sprechen, und sei dies auch bloß im Zusammenspiel
mit der modernen Gegenthese „chromosomen est omen“, dann sind
analytischer Verstand, strategischer Weitblick und korrektes Auftreten in
allen Lebenslagen Eigenschaften, die einem militärischen Ratgeber gut zu
Gesicht stehen und in denen sich RK unschwer wiederfinden lässt.
Um
restlos glücklich zu sein, fehlt RK eigentlich nur noch eines, auch wenn
er dies niemals zugäbe, nämlich die Auszeichnung „Spiel des Jahres“
für eines seiner Spiele. Dass er sie schon längst verdient hat, steht außer
Frage. Dass es noch immer nicht dazu gelangt hat, ist fast schon tragisch
zu nennen. Oft genug dicht davor war er ja, mehrfach sogar ausdrücklich
nominiert. Meist aber wurden seine Spiele von der Jury als zu
anspruchsvoll für breitere Käuferschichten empfunden. Was allerdings für
das oben erwähnte Einfach genial
nicht gelten kann.
Es
spricht für seine Professionalität, wie RK mit dieser wiederholten Enttäuschung
umgegangen ist. Denn dass er sich bereits mehrfach große Hoffnung gemacht
hat, darf getrost angenommen werden. Auch wenn er mittlerweile aus Gründen
des Selbstschutzes mit der Einschätzung kokettiert, es wohl nie zum
Preisträger zu bringen. Dabei sollte freilich nicht vergessen werden,
dass RK 2001 für sein grandioses, als gemeinsamen Kampf gegen das
Spielsystem angelegtes Herr der
Ringe immerhin mit dem Sonderpreis „Literatur im Spiel“
ausgezeichnet worden ist.
Tröstlich für ihn
ist sicherlich auch, so oft wie kein anderer Autor den „Deutschen Spiele
Preis“ gewonnen zu haben. Auch wenn dieser aufgrund der doch relativ
kleinen Teilnehmerzahl nicht als echter Publikumspreis gelten kann, so ist
er doch Ausdruck hoher Wertschätzung in Kreisen der Hobbyspieler.
So
war RK erstmals 1993 mit Modern Art
erfolgreich, wobei zugleich noch sein Tutanchamon
(Amigo) Platz 2 belegen konnte. 1998 sollte Euphrat
& Tigris (HiG) folgen. Für Ra
hat es 1999 zwar nur zum 2. Platz hinter Tikal
(Ravensburger) gereicht, dem damaligen „Spiel des Jahres“. Dafür
konnte er im Folgejahr mit Tadsch
Mahal den Spieß umdrehen und den SDJ-Preisträger Torres
(Ravensburger) ausbremsen. Zuletzt lag er 2003 mit Amun-Re (HiG) in der Gunst der Spielergemeinde vorn.
Auch
in anderen Ländern wie Frankreich, Japan, der Schweiz und den USA sind RK
zahlreiche Preise für seine Spiele verliehen worden. Zu seiner Trophäensammlung
jüngst dazugekommen ist wieder einmal die Auszeichnung „Spiel der
Spiele“, die von einer Jury in Österreich alljährlich vergeben wird
und die er 2003 bereits für sein innovatives King
Arthur und 2004 für Einfach
Genial entgegennehmen durfte, das sich inzwischen zu einem
Bestseller gemausert hat. Mit dem nunmehr ausgezeichneten Familienspiel Tal
der Abenteuer hat Hasbro eine neue Reihe von Autorenspielen eröffnet,
die jedes Jahr um ein Spitzenspiel erweitert werden soll.
Trotz
seines schon jetzt gewaltigen Œvres, das in diversen Beiträgen
schwerpunktmäßig behandelt wird, ist RK während einer Signierstunde im
Privatarchiv des Verfassers eine sympathische Freudsche Fehlleistung
unterlaufen. Auf der Suche nach weiteren seiner Titel hat er doch tatsächlich Hol’s der Geier von Alex Randolph, das Ravensburger
Bier-&-Brezel-Spiel par excellence, aus dem Regal gefischt, das er
offenbar selbst gern entwickelt hätte. Kann es ein größeres und
zugleich ehrlicheres Kompliment für die schöpferische Leistung eines
Anderen geben?
Bleibt als Resümee festzuhalten, dass
offenbar weder die weitere Entwicklung dieses Planeten noch das Auftreten
von zig Millionen neuer Erdenbürger an dem persönlichen Ranking des
Eingangszitats etwas geändert haben.
L.U. Dikus
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